Die neue Bibliothek im Kuppelsaal der Staatsbibliothek unter den Linden in Berlin.

Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden

Der neue Lesesaal der Staatsbibliothek Unter den Linden

Bildquelle: Von Gunnar Klack – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0.

Herzstück der 1914 in Nachbarschaft zur Humboldt Universität erbauten Alten Staatsbibliothek war der neubarocke Lesesaal. Mit einem oktonalen Grundriss und seiner riesigen Kuppel war der Bau größer als der Berliner Dom.

Architekt und Baumeister Ernst von Ihnen plante ihn im Stil der wilhelminischen Architektur, Überlieferungen attestieren einen hallenden, kalten und zugigen Charakter. Um Heizkosten zu sparen, zogen zu DDR Zeiten die Verantwortlichen in Höhe des umlaufenden Gesimses eine Flachdecke ein und verbargen die Kuppel vor den Augen der darunter lesenden Bibliotheksnutzer.

1975 riss man, gegen den Widerstand der Bibliotheksbauverwaltung, den im Zweiten Weltkrieg beschädigten und nur teilweise wiederhergestellten Saalbau ab – stehen blieb das Quadrat an außenliegenden Gebäudeteilen. Die inhaltliche und funktionale Mitte des Hauses war verloren.

Das Gesamtprojekt

Der Stiftungsrat Preußischer Kulturbesitz verfügte 1998 über die Sanierung und Modernisierung des noch bestehenden Gebäudekomplexes Unter den Linden bei ununterbrochenem Bibliotheksbetrieb. Gleichzeitig beschließt er den Bau eines neuen Allgemeinen Lesesaals und weiterer Nebengebäude.

Nach Planungen der HG Merz Architekten erwächst in einer ersten Bauphase inmitten des vorhandenen wilhelminischen Baukörpers ein zeitgenössischer und als Glaskubus ausgeführter Erweiterungsbau.

Der Allgemeine Lesesaal, der kleinere Rara-Lesesaal, Tresormagazine und Digitalisierungszentrum werden im März 2013 eröffnet. Nach insgesamt 15 Jahren Gesamtbauzeit erfolgt im November 2019 in einem Festakt die Schlüsselübergabe zur denkmalgerecht sanierten Staatsbibliothek Unter den Linden, nach Abschluss der noch verbleibenden Baumaßnahmen plant die Stiftung ein Fest zur offiziellen Wiedereröffnung.

„Der Geist braucht Luft“

Mit diesem Gedanken ging HG Merz an die Planung und hatte von Beginn an einen leuchtenden Deckenkörper im Kopf, der den Verzicht von künstlichem Licht ermöglichen sollte.

Der Neubau ist kubisch, hat eine Höhe von 36 Metern und eine Grundfläche von fast 1.000 Quadratmetern. Zugänglich ist er wie früher mit dem Eingang über den Boulevard Unter den Linden und dann der ursprünglichen Raumfolge entsprechend durch den Brunnenhof und in das neu gestaltete Foyer. Aus wandhohen Fenstern geht der Blick hinaus in einen der vier umgebenden Lichthöfe. In den Allgemeinen Lesesaal selbst gelangt der Besucher über eine vom Foyer aus breit aufsteigende Holztreppe.

Die Außenhülle bildet eine mehrschalige Glasfassade auf einem Gittertragwerk, die 93 äußeren Scheiben weisen eine wellig verformte Oberfläche auf. Das durch die ebenfalls doppelwandige Glasdecke einfallende Licht wird durch ein semitransparentes Gewebe in den darunterliegenden Lesesaal gestreut.

Transluzente Lichtspiele und Chic der 60er Jahre

Über drei Etagen und so die untere Saalhälfte nutzend sind Bücherregale aus dunklem Holz an den Wänden gestapelt. Dahinterliegende schmale Treppen führen auf die oberen Galerien. Auf der Hauptfläche finden sich Arbeitstische, jeder überbreit, um auch größeren Bänden ausreichen Platz zu geben. Optisch ist dieser Bereich dominiert vom Ocker der bezogenen Freischwinger, dem Orange des Teppichs und den hellbraunen Tischen. Die Holzoberflächen inklusive der Brüstung der Haupttreppe bestehen aus AlpiFurnier, das aus gefärbten Pappelholzlagen zusammengefügt ist. Stärker beanspruchte Teile von Fußböden und Treppen sowie die Kanten der Regale sind aus Hartholz.

Im Kontrast dazu besteht die obere Saalhälfte aus einer weißen, durchscheinenden Fassade mit einer abschließenden Lichtdecke. Einziger Funktionsbereich ist die über den Bücherregalen liegende Ebene mit Freihandarbeitsbereichen, hier sind die Arbeitstische mit Birkenfurnier überzogen und die Böden aus hellem Guss-PVC.

An insgesamt 250 Arbeitsplätzen kann gelesen und geforscht werden, zu Kaiserzeiten drängten sich 376 Nutzer allein im Hauptlesebereich. Technisch wurde das Gebäude auf den neuesten und für den wertvollen Buchbestand notwendigen Standard gebracht: Es gibt eine Buchtransportanlage, Klima- und Entstaubungsanlagen, Brand-, Entrauchungs- und Gas-Löschanlagen, Schallschutz sowie eine Kameraüberwachung in sensiblen Bereichen.